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Ich will Pflegevater werden

Das war mein Ziel. Ich war bereit, circa 10 Jahre meines Lebens einem bedürftigen Kind zu widmen. Kinder sind für mich die einzige Möglichkeit unsere Zukunft nachhaltig positiv zu beeinflussen.

Ich besuchte zunächst einen Einführungsabend des Jugendamts. Dort wurde klar, dass ich auch als alleinstehender Mann ein Pflegekind aufnehmen kann. Jetzt stand mein Entschluss endgültig fest.

Nachdem ich mich vergeblich über eine veröffentlichte aber inaktive Emailadresse an die Stadt Hannover / Fachbereich Jugend und Familie gewendet hatte, fuhr ich direkt in die Nikolaistraße. Dort bekam ich die Antragsunterlagen. Um Pflegevater, besser zertifizierte Pflegestelle werden zu können, muss man seine wirtschaftlichen und privaten Verhältnisse komplett offenlegen. Dazu gehört auch ein Lebensbericht, der bei mir fünf Seiten lang war. Zusätzlich übergab ich noch eine Familien-Timeline und weitere Unterlagen. Alles sehr genau, offen und umfangreich.

Diese Unterlagen waren dann die Grundlage für drei Treffen mit einer Mitarbeiterin des Kommunalen Sozialdienstes aus dem Fachbereich Jugend und Familie der Landeshauptstadt Hannover, Bereich Pflegekinder und Adoptionsdienst. Während dieser Treffen wurde mein Leben, mein Wirken, also Ich gründlich durchleuchtet. Ein viertes Treffen fand, diesmal mit einem weiteren Mitarbeiter in meiner Wohnung statt. Inzwischen waren ungefähr sechs Monate vergangen. Als nächstes sollte ich eine Schulung für angehende Pflegeeltern besuchen, die an fünf Abenden durchgeführt würde. Nach dieser Schulung ist man eine zertifizierte Pflegestelle für Kinder.

Ein Monat nach dem vierten Treffen kam dann das bei mir an:

Nach sieben Monaten der Vorbereitung und Durchleuchtung!? Natürlich habe ich sofort schriftlich eine Erläuterung der Ablehnungsgründe gefordert. Mindestens das muss möglich sein. Und wer sagt denn, dass es nicht morgen genau so ein Kind gäbe, dessen Bedürfnisse auf mich als Pflegevater passen?

Bei mir stimmen alle formalen Voraussetzungen für eine Kinderpflege; ich bringe sogar noch mehr mit:

  • Ich wohne in einer aufgeräumten, sauberen, großen Wohnung in der Innenstadt, das Kind hätte ein eigenes Zimmer
  • ich verdiene als Softwareentwickler von zuhause aus genügend Geld, bin immer da und kann meine Zeit auf ein Kind abstimmen
  • durch meine leibliche Tochter habe ich Erziehungserfahrung
  • ich lebe einem regelmäßigen Tagesablauf
  • ich nehme keine Drogen oder habe Bekannte, die Drogen konsumieren
  • ich interessiere mich für Kunst, Kultur, Musik, Theater, Politik, Soziales, Technik...

Vor 10 Jahren kannte ich ein Mädchen, dass liebend gerne bei mir eingezogen wäre, nur um in Ruhe zu leben, zu lernen und zu spielen. Sie war damals die beste Freundin meiner Tochter. Bei mir fände so ein Kind einen sicheren Hafen mit viel Unterstützung auf unterschiedlichen Gebieten. Ich bin bereit, die nächsten 10 Jahre meines Lebens einem fremden Kind zu widmen, damit es in dieser Gesellschaft sicher Fuß fassen kann. Das, und noch einiges mehr habe ich in den Gesprächen mit dem Jugendamt immer deutlich gemacht. Vielleicht sehe ich aber auch die Situation der Kinder in Hannover, die in prekären Umgebungen groß werden müssen zu negativ.

Mit der Absage hat der Kommunale Sozialdienst aus dem Fachbereich Jugend und Familie der Landeshauptstadt Hannover einem Kind die Möglichkeit genommen, seine Lebenssituation entscheidend zu verbessern. Ich bin sehr gespannt mit welcher Begründung das gerechtfertigt werden wird.

Ich stelle mir folgende Fragen:

Welche Kompetenzen haben die Mitarbeiter*innen des Jugendamts darüber zu entscheiden, ob ich als Pflegevater geeignet bin oder nicht?
Wie laufen die Entscheidungsprozesse ab?
Wo liegen die Prioritäten des Jugendamts Hannover wirklich?

Mit der Entscheidung des Jugendamts Hannover haben mindestens zwei Menschen verloren: Das bedürftige Kind und ich als Pflegevater. Aber tatsächlich hat unsere Gesellschaft verloren, in die ich eventuell einen jungen Erwachsenen mit Ambitionen und Zielen entlassen hätte.

Von Matthias Thömel, Hannover, 26.1.2019

UPDATE (15.2.2019):

Gestern erhielt ich vom Jugendamt Hannover ein Schreiben, das wieder keine Begründung enthielt. Übrigends mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass ich nichts von dem Schreiben hier veröffentlichen darf. In dem Schreiben wurde ich eingeladen, am 1.3.2019 in die Nicolaistraße zu kommen und mir mündlich eine Begründung geben zu lassen. Ich vermute, dass man keine offiziellen und anfechtbaren Aussagen dokumentieren möchte. 

Dieser Prozess ist noch nicht zuende, ich werde drannbleiben. Auch für alle anderen Pflegeeltern und die, die es werden wollen.  

UPDATE (31.3.2019)

Am 21.3.2019 erhielt ich einen Brief vom Jugendamt mit der Begründung, warum ich als Pflegevater aus deren Sicht nicht geeignet bin. Diese Begründung geschah aufgrund meines förmlichen Widerspruchs gegen die Ablehnung des Jugendamts, den ich Ende Februar eingereicht hatte. Das Jugendamt hat es in jedem Schreiben an mich versäumt, eine Rechtsbehelfsbelehrung beizufügen. Darin wird man darüber belehrt, das man Widerspruch gegen eine Entscheidung oder einen Bescheid einreichen kann. Das Interessante ist: Ein Widerspruch muss von der jeweils nächst höheren Instanz bearbeitet werden. Diese Idee und Information habe ich von der zentralen Beratungsstelle gegen Diskriminierung in Berlin. Dort kann man anrufen und wird von Juristen beraten, wie man sich gegen Diskriminierung wehren kann. 

Denn ich fühlte mich diskriminiert. Als ich die Begründungen der Ablehnung des Jugendamts gelesen hatte, wurde ich in mindestens zwei Fällen in meinem Verdacht bestätigt. Es folgt nun ein Auszug meies letzten Schreibens an das Jugendamt von heute:

<Zitat Beginn>

Mit Ihrem Schreiben vom 14.3.2019 erläuterten Sie mir Ihre Gründe, weswegen ich aus Ihrer Sicht ungeeignet bin als Pflegevater ein Kind aufzunehmen. Ich fasse Ihre Gründe hier zusammen:

1. Mir fehlt es an Empathie
2. Meine Entscheidung, keine Partnerin haben zu wollen
3. Die Veröffentlichung des Vorgangs

Zu 1. – Empathie:

Ich habe folgende Fragen an Sie:

• Aus welcher Untersuchung oder mit welchen wissenschaftlichen Mitteln haben Sie die Erkenntnis gewonnen, dass es mir an Empathie mangelt?
• Sind Ihre Bediensteten studierte Psychologen?
• Wurde der Mangel an Empathie durch ein psychologisches Gutachten festgestellt? Ich habe kein Gespräch diesbezüglich mit einer Ärztin geführt.

Oder haben Sie selbst diesen Schluss gezogen, weil ich Ihnen mitteilte, dass ich ein leichtes Asperger-Syndrom habe?

In diesem Fall kann ich Ihre Annahme nicht akzeptieren. Schon gar nicht von einer Ihrer Mitarbeiterinnen, die das Asperger-Syndrom mit der tödlich verlaufenden Krankheit Multiple Sklerose vergleicht. Sie hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich über Asperger zu informieren. Selbst dieses inkompetente Verhalten habe ich toleriert und Ihnen als Jugendamt den Zugang zu meiner Verhaltenstherapeutin (Burnout vor 3 Jahren) gewährt, den Sie nicht wahrgenommen haben. Nur nebenbei: Asperger-Menschen haben zuviel Empathie und ziehen sich deswegen manchmal zurück und nicht zuwenig.

Mein scherzhafter Hinweis, ich würde Empathie aus Filmen erlernen, haben Sie darüber hinaus doch tatsächlich ernst genommen! Selbst wenn es so wäre: Kinder und Erwachsene lernen aus Beobachtung, wussten Sie das nicht?

Ich fühle mich in diesem Punkt von Ihnen als Jugendamt und von Ihren Mitarbeitern herabgesetzt und diskriminiert und erwarte hier eine persönliche Entschuldigung von Ihren Mitarbeiter*innen.

Beispielsweise nahm ich die beste Freundin meiner Tochter bei mir auf, als sei sie mein eigenes Kind. Sie war immer bei uns, auch im Urlaub, den ich finanzierte. Sie wurde von Ihrer Mutter vernachlässigt und schlecht behandelt. Daraufhin habe ich mich an das Jugendamt auf dem Kronsberg gewendet. Dort übergab ich ein Dossier über das Kind, mit der Bitte ihr doch zu helfen. Fragen Sie die Mitarbeiter dort: Ich habe 15 Minuten aus Verzweiflung um dieses Kind vor deren Augen geweint. Sie kennen den Vorgang. Haben Sie dort nachgefragt, ob ich Empathie habe? Als dieses Kind später in die Psychiatrische Klinik kam, bin ich mit meiner Tochter jede Woche dort vorbeigefahren und habe ihr ein Geschenk gebracht. Was glauben Sie, aus welchem Grund ich das getan habe?

Wenn Sie wüssten, was Empathie ist, würden Sie meines Erachtens erkennen, dass ich hier gerade aus Empathie-Gründen darum kämpfe, einem mir unbekanntem Kind in Not helfen zu können. Was tun Sie für dieses Kind? Haben Sie Empathie?

Zu 2. – Keine Partnerin:

Ebenfalls fassungslos war ich, als ich Ihren zweiten Grund gelesen und verstanden habe: Weil ich es ablehne, noch einmal eine Partnerin zu haben, kann ich nicht mit den weiblichen Mitarbeitern des Jugendamts oder mit der Kindesmutter kommunizieren.

Zunächst: Es geht Sie nichts an, aus welchem Grund ich keine Partnerin mehr haben möchte. Und trotzdem habe ich es Ihrer Mitarbeiterin erklärt. Sie hat es entweder nicht verstanden oder Sie hat es persönlich gekommen. Ich werde meine Gründe hier kein zweites mal ausbreiten.

Zu behaupten, ich könne nicht mit einer Kindesmutter kommunizieren oder mit Ihren weiblichen Mitarbeitern ist eine Zumutung. Erstens mache ich das hier gerade und zweitens habe ich einige weibliche Bekannte und Freundinnen, die mich ziemlich mögen, weil ich so gut zuhören und kommunizieren kann. Ich kann Ihnen Leumundszeuginnen nennen.

Auch in diesem Punkt fühle ich mich von Ihnen herabgesetzt und in meiner Psyche und sozialen Intelligenz verletzt. Mich als Pflegevater abzulehnen, weil ich keine weitere Partnerin haben möchte ist eine Diskriminierung. Auch hier erwarte ich eine persönliche Entschuldigung von Ihren Mitarbeitern*innen.

Wenn Ihre Mitarbeiterin nicht damit klarkommt, dass ich ungeachtet ihres Geschlechts mit Ihr deutlich kommuniziere, ohne groß herum zu reden, dann ziehe ich daraus den Schluss, dass diese Mitarbeiterin nicht die richtige Ansprechpartnerin für mich ist. Das Jugendamt erwartet von den Bewerbern Ehrlichkeit und Klarheit, damit eine korrekte Bewertung als Pflegestelle erfolgen kann. Ich war und bin immer ehrlich und klar in meinen Aussagen. Ehrlichkeit und Klarheit helfen schwierige Situationen zu regeln. Auch später, für ein Pflegekind würde ich mich in genau dieser Weise vor dem Jugendamt, einer Schulleitung oder anderen Eltern einsetzen. Das ist es doch, was ein Pflegekind braucht und was es erwarten kann; aber vielleicht haben Sie genau davor Angst und lehnen mich deswegen ab?

Zu 3. – Veröffentlichungen:

Bitte beleidigen Sie mich nicht in meiner Intelligenz: Meine Veröffentlichungen habe ich nach und aufgrund Ihrer Ablehnung vorgenommen. Die Veröffentlichungen können kein vorgelagerter Grund für die Ablehnung gewesen sein, da diese vor der Ablehnung nicht stattfanden.

Sie sind ein Amt der Stadt Hannover und kein Geheimdienst. Selbstverständlich kann ich alles veröffentlichen, was mit meinem Antrag bei Ihnen zu tun hat.

Oder unterstellen Sie mir etwa, dass ich im Falle einer Pflegschaft etwas über das Kind und unsere Zusammenarbeit für es veröffentlichen würde? Wenn ja, dann verleumden Sie mich mit dieser Unterstellung. Niemals würde ich die Privatsphäre eines sowieso schon verletzten Kindes beschädigen.

Mein Angebot

Ich habe letztes Jahr meine Wohnung auf die neue Pflegekindsituation abgestimmt. Ich habe das Kinderzimmer nicht erneut an eine Studentin vermietet. Ich habe in einer 2-Tage-Aktion die Wohnung sehr gründlich gereinigt. Ich habe allen überflüssigen Kram auf den Wertstoffhof gebracht. Während Ihres Besuchs bei mir und auch danach war niemals die Rede darüber, dass meine Wohnsituation für ein Pflegekind nicht geeignet wäre. Sie haben kein Detail meiner Wohnung kritisch hinterfragt, also gehe ich davon aus, dass wirklich alles in Ordnung ist.

Ich biete dem Jugendamt eine Pflegestelle für ein Mädchen in Not an. Keine Erziehungsstelle, keine stationäre Stelle und auch keine psychotherapeutische oder soziale Beratung. Sie soll hier einfach in Ruhe groß werden und sich von allem erholen, was ihr passiert ist. Ich möchte ihr bei ihrer Entwicklung helfen, sie beschützen und fördern. Mit ihr Hannover erkunden, nach Steinhude fahren oder an den Maschsee gehen. Ich möchte Ihr ein guter Ersatz-Papa sein.

Warum lehnen Sie mein Angebot so wehement ab?

<Zitat Ende>

Nun liegt es am Jugendamt, ob sie auf meine Brücke, die ich mit dem letzten Schreiben gebaut habe gehen oder nicht. Ich würde mich natürlich freuen. Für das Kind und für mich. 

Ich werde den Fortgang berichten. 

Nachweis:

Bild von / Photo by: Alexander Krivitskiy from Pexels

Links:

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Kommunalen Sozialdienstes aus dem Fachbereich Jugend und Familie der Landeshauptstadt Hannover (Webseite)
Ich will Pflegevater werden! (PDF) 

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